Freitag, 22. September 2017

Konzentriert und Weise



Ich muss zugeben, dass ich in den letzten drei Wochen schon ziemlich konzentriert gearbeitet habe. Ich weiß nicht, wann ich das zuletzt über einen längeren Zeitraum getan habe. Meine Teilnehmer hatten allerdings nichts davon, weshalb es keinem auffiel. Auch handelte ich sehr weise, denn ich verzichtete darauf, meine Signatur dahingehend zu ändern, dass ich mich als Maßnahmeleiter ausgewiesen hätte. Somit erspare ich mir nun, dass ich es wieder rückgängig machen muss. Vermutlich hätte man sich all die Aufregung sparen können, wenn meine Kollegin und die Chefin sich früher mal zusammengesetzt hätten. Dann hätten sie nämlich damals schon beschlossen, dass meine Kollegin diese und die andere Maßnahme leitet und ich hätte mir keinen Kopf über ungelegte Eier machen müssen. Dennoch war ich etwas überrascht als meine Kollegin mir das Ergebnis der Unterhaltung mitteilte. Zu meinem Glück habe ich während der kurzen Zeit keine gravierenden Fehler produziert, so dass vermutlich diesbezüglich nicht schlecht über mich geredet wird. Ab sofort kann ich mich wieder in der zweiten Reihe entspannen, die Dinge beobachten und muss für nichts Verantwortung tragen, was andere womöglich verzapfen. In meinem Urlaub kann ich alles ausblenden und wenn ich zurück bin, ist alles so, wie es fast immer war.

Montag, 18. September 2017

Besuch beim Urologen



Weil mein Hausarzt von Nierensteinen sprach, und ich nach zwei Jahren sowieso den PSA-Test wiederholen will, verbringe ich meinen freien Tag beim Urologen. Also nicht den ganzen Tag, sondern nur einen Teil davon. Nach der üblichen Urinprobe, bei der es nichts zu beanstanden gibt, beginnt die Ultraschalluntersuchung. Die Blase ist schön entleert und die Prostata eher klein. Damit enden auch schon die guten Nachrichten, denn die rechte Niere beherbergt gleich mehrere Steine. Einer davon ist mit etwa 4mm Durchmesser in einem Bereich, der beobachtet werden sollte. Ab 5mm wird geröntgt. Ich bekomme den Rat, dass ich, sollte ich Koliken bekommen, direkt in die Urologie gehen soll, weil die wissen, was zu tun ist. Klingt wenig erbaulich. Der Arzt sagt allerdings auch, dass er nicht glaubt, dass etwas Derartiges passiert, wir aber diesen Stein in etwa sechs Monaten erneut per Ultraschall ansehen sollten. Die anderen Steine sind eher klein und sollten so weggespült werden. Ich soll täglich drei bis vier Liter trinken, was mir etwas viel erscheint, da ich mit meinen zwei Litern täglich schon genug zu tun habe.
An der linken Niere sind maximal winzige Steinchen zu entdecken, aber irgendwas wächst da. So wirklich scheint der Arzt es nicht zuordnen zu können, weshalb er von einer Zyste ausgeht. Ich finde das alles nicht wirklich prickelnd, muss aber damit leben. Und wo ich gerade schon da bin, kann ich mich auch gleich nochmal richtig auf die Seite legen. Irgendwie scheinen die Ärzte Gefallen daran gefunden zu haben, meine Prostata abzutasten. Natürlich ist der Urologe etwas gründlicher als der Hausarzt und ich muss erneut feststellen, dass Prostatauntersuchungen in Seitenlage viel angenehmer sind.
Vor der Blutentnahme für den PSA-Test wird mein Blutdruck gemessen. 110/70. Für meine Verhältnisse völlig normal. Anschließend fließt das Blut und ich erfahre, dass ich mein Ergebnis nur dann mitgeteilt bekomme, wenn der Wert nicht okay. Ich weiß nicht, ob ich das okay finde. Zum Abschluss wird mir die Rechnung präsentiert. 30,54€. Darin sind 10,72€ Beratungskosten enthalten. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dass ich beraten wurde, aber da ich weiß, dass Ärzte sich gerne etwas kaufen und oft jammern, weil sie so wenig verdienen, unterschreibe ich freudig, dass ich den Betrag unverzüglich überweise. Man muss sich und anderen schließlich auch mal etwas gönnen.

Samstag, 16. September 2017

Verschiedene Blickwinkel



Blickwinkel 1:
Die Woche steckt voller Überraschungen. Noch immer sehe ich mich genötigt für ein besseres Arbeitsklima zu sorgen. Überhaupt scheine ich hier für das Wohlfühlklima zuständig zu sein. Vor allem einige Kollegen, die völlig unzufrieden hier rumeiern, versuche ich immer wieder darauf hinzuweisen ihre Arbeit zu machen und endlich aufzuhören irgendwelche Kriege zu führen. Ohne mich wäre die Stimmung hier sicher weniger gut. Brandy scheint so zufrieden, dass sie sich vorstellen kann in Zukunft nur noch oder zumindest hauptsächlich in dieser Maßnahme zu arbeiten. Vermutlich hatte sie noch nie, seitdem sie in diesem Unternehmen arbeitet, ein so entspanntes Arbeitsklima.

Ein Teilnehmer,  der in zwei Wochen die Maßnahme verlassen muss, weil die Zeit um ist, fragt, ob er nicht länger bleiben kann, weil es ihm so viel bringt hier zu sein und er die erfolgreiche und entspannte Zusammenarbeit fortsetzen will. Ich rufe seine Betreuerin vom Jobcenter an. Sie ist total erstaunt, weil sie mit dieser Entwicklung nicht gerechnet hat und willigt ein, dass der Teilnehmer weitere drei Monate bei uns bleibt.

Eine weitere Teilnehmerin, die nächste Woche zum Jobcenter muss, um über ihre Zukunft und diese Maßnahme zu reden, fragt, ob sie, sollte sie bis zum Ablauf der Maßnahme keinen Job finden, nicht bleiben darf, weil es ihr hier viel bringt und wir ihr so geholfen haben. Ich sage ihr, dass ich das sicher hinbekomme, dass sie bleiben darf.

Einer anderen Teilnehmerin hat es hier so gut gefallen, dass sie mittlerweile wieder hier ist und eine weitere sagte, dass sie gern wiederkommt, wenn sie in einem halben Jahr noch keinen Job gefunden hat,

Diese vier Teilnehmer werden bzw. wurden überwiegend von mir betreut, was verdeutlicht, wie gut ich mit Menschen umgehen kann, dass sie sogar eine Maßnahme vom Jobcenter freiwillig verlängern oder wiederkommen wollen und es nicht als Strafe sondern als Chance sehen. Das kriegt auch nicht jeder hin.

Blickwinkel 2:
Ich bin auch weiterhin der erfolgloseste Coach des Unternehmens. Meine Teilnehmer nehmen äußerst selten Arbeit auf, stattdessen kommen sie manchmal sogar wieder, um weitere drei Monate mit uns zu verbringen. Um ihre Chancen zu erhöhen, haben wir festgelegt, dass sie bei ihrem zweiten Anlauf nicht mehr von mir betreut werden.

Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist teilweise schon arg angespannt. Unzufriedenheit gehört einfach dazu. Brandy  kann sich gut vorstellen, dass sie in Zukunft mehr in dieser Maßnahme  arbeitet und ihre anderen Aufgaben aufgibt oder zumindest reduziert. Das kann ich gut nachvollziehen, denn seit sie hier ist, muss sie so gut wie nichts für diese Maßnahme tun.  In der Regel unterschreibt sie nur, dass sie anwesend war und ich mache ihre Arbeit mit, weil ich nicht weiß, ob sie nächsten Monat überhaupt noch für diese Maßnahme arbeitet. Ich will das nach meinem Urlaub geklärt haben, bis dahin ist mir fast egal, was sie macht. Oft macht sie sich während meiner Mittagspause aus dem Staub, so dass meine Mittagspause ausfällt. Das ist natürlich mein Fehler, weil ich keine klaren Ansagen mache und ihr auch nicht zutraue, dass sie mich gut vertritt.

Einer meiner Teilnehmer fragt, ob wir die Maßnahme für ihn nicht verlängern können, weil er sich zu Hause langweilt und fürchtet, dass seine Betreuerin ihn mal wieder einen sogenannten „Ein-Euro-Job“ machen lässt, wozu er keine Lust hat. Da verbringt er lieber zwei Tage in der Woche bei uns. Da wir das kleinere Übel für ihn sind, rufe ich seine Betreuerin an. Sie sagt, dass er sich anfangs total gegen diese Maßnahme gewehrt hat, und erst zu uns kam, weil sie ihm das Geld kürzen wollte und sie ständig mit ihm Ärger hat. Sie verlängert natürlich gerne, weil sie sich dann nicht mit ihm auseinander setzen muss.

Ähnlich verhält es sich mit einer anderen Teilnehmerin. Auch sie will irgendwelchen Diskussionen mit ihrer Betreuerin aus dem Weg gehen und lieber ihre Zeit hier bei uns verbringen. Das kann ich verstehen, denn ich lasse meine Teilnehmer meist gewähren und komme nicht auf die Idee, sie gegen ihren Willen irgendetwas machen zu lassen. Dazu fehlen mir auch die Ideen und Kontakte. Doch hat es auch für mich Vorteile, wenn die Teilnehmer bleiben. So wird meine Vermittlungsquote erst zu einem späteren Zeitpunkt weiter nach unten gedrückt und ich erspare anderen Teilnehmern, die dann die Plätze der ausgeschiedenen Teilnehmer einnehmen, meine Kompetenzlosigkeit. Wie kann man mich nur eine Maßnahme leiten lassen?


Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Vielleicht gibt es auch gar keine Wahrheit, sondern nur verschiedene Blickwinkel. Wie dem auch sei, jetzt ist Wochenende, dann muss ich noch vier Tage arbeiten bis ich Urlaub habe. Wenn ich danach ins Büro zurückkehre, kann schon wieder alles ganz anders sein. Das Wochenende werde ich jedenfalls genießen, weil sich schon wieder eine Erkältung ankündigt. Vielleicht liegt es an meinem Alter, dass ich so anfällig bin. Möglicherweise mache ich es ja nicht mehr lange und die ständigen Infekte sind die Vorboten meines nahenden Endes. Oder ich habe einfach nur einen an der Waffel. Vermutlich auch alles nur eine Frage des Blickwinkels.